Karmapas Gedanken zu Gewaltlosigkeit - 09.06.2020

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9. Juni 2020

Thaye Dorje, Seine Heiligkeit der 17. Gyalwa Karmapa, teilt eine Belehrung über die Praxis der Gewaltlosigkeit im Buddhismus und die Bedeutung des Untersuchens der Untrennbarkeit von Form und Leerheit.



„Als menschliche Wesen haben wir während unserer hunderttausendjährigen Existenz unzählige Religionen, Philosophien und politischen Systeme entwickelt. Ihnen Allen liegen verschiedene Regelwerke und Gesetze zugrunde, die ursprünglich von Gutherzigkeit bestimmt sind. Aber dennoch werden – wenn sie nicht gut verstanden, praktiziert oder gelehrt werden – immer wieder Probleme auftreten wie jene, die wir im Moment sehen.

In meiner Herangehensweise an das Thema Gewaltlosigkeit möchte ich versuchen, mich auf diese unfassbarste aller Vorstellungen zu stützen: dass Form Leerheit und Leerheit Form ist. Würde ich versuchen, eine Lösung für Gewaltlosigkeit oder gegen Gewalt anzubieten, wäre das wie alles Andere, was vorher erfunden wurde, und es würde einfach zu nichts weiter als einer Art Hintergrundgeräusch verblassen.

Natürlich könnte ich Dinge sagen wie: „Gebt Gewalt nicht nach, sondern seid gütig. Rassismus ist nicht gut, also erliegt ihm nicht." Ich könnte all diese Wahrheiten aussprechen, aber es würde nichts nützen – es würde nur an der Oberfläche kratzen.

Wenn also Gewaltlosigkeit gepredigt, gelehrt oder in Form von Gesetzen oder Regeln dargestellt wird, dann funktioniert das nicht so unbedingt. Denn obwohl Rechtsvorschriften ihre eigene Qualität haben, besteht das Problem darin, dass wir sie als absolut betrachten, als „das", und in dem Moment sind wir gescheitert.

Ich will nicht sagen, dass der Buddhismus der Weg ist, aber dem Buddhadharma gemäß konzentrieren wir uns immer auf diesen praktisch nicht fassbaren Faktor: dass Form Leerheit ist und Leerheit Form ist. Und dort haben wir die Antwort.

Es gibt also einen guten Grund, warum der Buddhismus über Gewaltlosigkeit aus der Perspektive der Untrennbarkeit von Form und Leerheit spricht: weil es nicht um Gebote geht.

Das Nachdenken über aktuelle Ereignisse kann eine heikle Sache sein. Wie sehr sollten wir nachdenken? Es gibt da draußen so viele Nachrichtenberichte – wie viel Energie sollten wir all dem widmen? Und wenn wir viel Zeit und Kraft darauf verwenden, können wir uns natürlich fragen, wie viel Kontrolle wir haben und ob wir diesbezüglich etwas tun können.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eine Unmenge von Wahlmöglichkeiten zu geben scheint, und dadurch fühlen wir uns verwirrt. Welchen Standpunkt sollen wir einnehmen?

Im Buddhismus wird die Einführung von Form und Leerheit als etwas Grundlegendes angesehen, auf das man sich im Leben eines Praktizierenden konzentrieren sollte. Sie ist eine vereinfachte und leichte Annäherung an die Frage, was Leben ist und wie Leben gelebt werden sollte oder könnte.

Sind unser Denken oder unsere Reflexionsfähigkeit erst einmal vorhanden, wird die Idee der Wahl manchmal überbetont.

Dann wird selbst ein Buddhist bisweilen das Gefühl haben, dass wir uns entweder für die Seite der Form oder für die der Leerheit entscheiden müssen. Samsara oder Nirvana, richtig oder falsch, Tag oder Nacht, hier oder dort, schwarz oder weiß. Endlose Wahlmöglichkeiten überwältigen uns einfach.

Deshalb forschen Buddhisten durch Reflexion (Meditation) nach, ob ein Nutzen darin besteht, die Seiten als untrennbar zu betrachten.

Untrennbar nicht, weil die Dinge grundlegend undurchsichtig sind (so durcheinander, dass man die beiden Seiten nicht trennen kann), und man sie daher einfach mit geschlossenen Augen akzeptieren muss, weil es keinen anderen Weg gibt.

Sondern untrennbar in dem Sinne, dass Leerheit Form und Form Leerheit auf die harmonischste Weise ergänzt. Also nehmt ihre Untrennbarkeit an, so wie ihr auch Resonanz annehmt. Die Saiten einer Gitarre brauchen den Korpus des Instruments, um einen echten Klang zu erzeugen, indem der Korpus die schwingenden Saiten widerhallen lässt.

Sowohl der Klang der Saiten als auch der Klang des Widerhalls hat keine inhärente Natur.

In ähnlicher Weise sind diese Gegensätze nicht dasselbe, aber gleichzeitig sind sie nicht getrennt. Es ist ein schmaler Grat, auf dem man da geht.

Das ist also die Art und Weise, in der wir nachdenken könnten.

Es ist verständlich, dass wir ein wenig frustriert sind. Nicht nur wegen der aktuellen Pandemie, sondern weil wir Alle mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert waren: Während unserer individuellen Existenz haben wir viele persönliche Kümmernisse erlebt, und im Laufe unseres kollektiven Lebens sind wir mit historischen Konflikten konfrontiert worden, die manchmal über mehrere Generationen zurückverfolgt werden können. Das hat kein Ende.

Und obendrein ereignet sich hin und wieder ein besonders tragisches Ereignis und wenn es eintritt, dann haben wir als Menschen, die von historischen, linearen Konzepten abhängig sind, keine andere Wahl, als es als etwas Persönliches zu empfinden und es überaus ernst zu nehmen. Denken wir dann aus einer Perspektive darüber nach, die darauf basiert, was moralisch richtig oder falsch ist, ist es unmöglich, eine definitive Antwort zu finden.

Wenn wir uns jedoch nicht mit einer ursprünglichen Ursache und einer ursprünglichen Wirkung überfordern, ist es möglich, einen Mittelweg zu finden. Einen Weg, durch den wir sehen, dass Gewalt jeglicher Art – ob äußerlich oder innerlich – sich im Entstehen verflüchtigt.

Dennoch kann die gleichsam verbliebene Erfahrung von Gewalt, die in unserem Kopf widerhallt, etwas sein, worüber es gilt vertieft nachzudenken. Denn diese Echos dauern etwas länger als der eigentliche Ton, indem er weiter nachschwingt; aber natürlich wird er irgendwann ganz verschwinden.

Solange dieser Widerhall also noch anhält, können wir – anstatt einfach nur das schwache Gedächtnis unseres Bewusstseins sein eigenes Süppchen kochen zu lassen – stattdessen etwas tun, das sich drastisch von dem unterscheidet, was wir schon immer getan haben. (Wir haben uns bis zu dem Punkt berauscht, an dem sowohl unser Körper als auch unser Geist zerstört werden; bis sich der Kreis schließt; bis das zu einem Neustart führt. Dieser Prozess ist einer, bei dem wir nicht wirklich zwischen Vergeben und Vergessen unterscheiden können. Mit verschiedenen Mitteln wollen wir irgendwie vergessen, was wir in unserem Innersten als tragisch, unangenehm, bösartig empfinden, und zwar auf eine äußerliche Weise: so, als ob all diese tragischen und unangenehmen Empfindungen Dinge wären, die uns fremd sind, die von woanders her kommen – so entfremden wir durch diese Geste diese Erfahrung und gleichzeitig uns selbst).

Obwohl die eigentliche Gewalt schon lange vorbei ist, halten wir immer noch an diesem Echo fest, denken, dass dieser Widerhall so wichtig ist, starren die ganze Zeit auf einen mentalen Schirm dessen, was geschehen ist, und halten das mit äußerster Hingabe für die Realität.

Die Ursache für die tatsächliche Gewalt ist also bereits weg, dieses bewegliche und schwer fassbare Ziel ist bereits vorbeigezogen. Doch wir sind immer noch voller Hingabe, wollen glauben, das Ziel wäre noch da und wir wollen einen Pfeil darauf werfen. Aber das Ziel besteht nicht mehr; es ist weg, absolut weg. Und diese Art von Teufelskreis veranlasst uns, nicht zu verzeihen – als ob wir uns ein Symbol eintätowieren würden, um nicht zu verzeihen. Und wir hoffen verzweifelt, dass wir bei der nächsten sich uns bietenden Gelegenheit mit Rache zurückschlagen werden.

Wenn dann der nächste ähnliche Moment kommt, identifizieren wir mit Nachdruck diese vergleichbare Erscheinung, als wäre es dieselbe.

Es ist vielleicht nicht einmal unbedingt dieselbe Person, aber selbst wenn es dieselbe aus der gestrigen Begegnung ist, so ist er oder sie inzwischen ein vollkommen anderes, völlig verwandeltes und verändertes Individuum. Und selbst wenn Ihr Euch an ihr rächt oder Eure Vorstellung von Gerechtigkeit auf eben diese Person übertragt, ist es zu spät – denn sie ist längst weg. Dieses Umfeld ist längst weg, dieser Moment ist längst vorüber.

Die Frage ist also: Auf wen wendet Ihr die moralisch gerechtfertigte Gewalt an?

Eurer Stimme Gehör zu verschaffen ist eine Sache und eine Aussage zu machen mag angemessen sein. Aber wie weit geht Ihr, um Euch Gehör zu verschaffen?

Deshalb kann an einem bestimmten Punkt das Nachdenken über die Untrennbarkeit der Art und Weise, wie Dinge entstehen und wie sie (aufgrund von Leerheit) zerfallen, eine Weisheit hervorbringen, die frisch und neu ist; eine Weisheit, die nicht aus der Zukunft und nicht aus der Vergangenheit entspringt, sondern aus diesem eindeutig vergänglichen Moment. Und so nehmen wirkliche Buddhisten dies wahr: nicht als einen neuen Trend oder eine neue Mode, sondern in einem frischen, gegenwärtigen, pulsierenden Fließen.

Kurz gesagt: Es ist in Ordnung, zu versuchen, äußere Gewalt mit Hilfe von Argumentation zu beenden. Dasselbe könnte man vom Tilgen innerer Gewalt sagen. Aber ich wage zu behaupten, dass an sich die Akzeptanz des sich ständig verändernden Entstehens von Handlungen und Geschehnissen am wichtigsten ist, wenn man Gewaltlosigkeit praktiziert.

Meine lieben Dharma-Freunde und Freunde von Freunden, gönnt Euch nicht einen Moment der Stille, sondern einen Moment der Besinnung, der Kontemplation – wenn ihr so wollt –, über diese Worte.

Und betet gleichzeitig für diejenigen, die Opfer überwältigender Wahlmöglichkeiten sind. Betet für jene, die in Optionen verloren sind und für diejenigen, die von ihnen träumen. Betet für sie, dass sie einen Ausweg aus ihrer Verwirrung finden.“

www.karmapa.org
 

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