Karmapas Antwort zu Fragen nach Karma - 25.07.2020

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25.07.2020

Karmapas Antwort zu Fragen nach Karma




Nochmals vielen Dank für Eure Fragen.

Viele davon bezogen sich auf das Thema Karma. Ich wünschte, es gäbe ein ursprüngliches Karma – wie einen Urknall – in gewisser Weise wäre es dann so viel einfacher. Dann könnten wir irgendwie akzeptieren, dass wir alle dem Schicksal verfallen sind. Ich habe jedoch das Gefühl, dass dies vielleicht nicht der Fall ist. Nichtsdestotrotz werde ich mein Bestes tun, um etwas von meinem Verständnis von Karma mit Euch zu teilen; sowohl in dieser Reflexion als auch in den nachfolgenden.

Karma ist ein Thema, das wir selten nachvollziehen können, wenn es mit Worten beschrieben wird.

Obgleich wir versuchen, es in Absätzen, in Sätzen, Zeit- und Hauptwörtern darzustellen, entzieht sich uns die Bedeutung von Karma noch weiter.

Beschreibungen sind wie Kleider. In dem Moment, in dem wir etwas beschreiben, ist das zunächst so, wie es einzukleiden. Aber wenn wir es dann weiter ausarbeiten oder definieren, verwandelt sich der Prozess des Beschreibens ganz natürlich in eine Art `Entkleidungsvorgang´. Es ist dasselbe Prinzip wie `Was nach oben geht, muss auch wieder herunterkommen´. Daran kann man nichts ändern.

Wenn es darum geht, Karma zu beschreiben, halte ich es für wesentlich, dies von Anfang an im Auge zu behalten.

Schält man eine Zwiebel oder einen Bananenbaumstamm – immer weiter und weiter, Schicht um Schicht –, entsteht ein Gefühl von Neugier, ob sich in der Mitte dieser Schichten ein Kern oder ein Samen befindet. Natürlich befindet sich am Ende nichts in der Mitte der Zwiebel oder des Bananenstammes.

Karma zu beschreiben, ist etwas Ähnliches.

Man könnte das Gefühl haben, dass in diesem Fall Fragen und Antworten zum Thema eine Verschwendung von Zeit und Energie sind. Aber ich glaube, die subtile Natur des Frage- und Antwortformats hat ihre eigene Qualität.

Karma ist in gewisser Weise da. `Da´ in dem Sinn, dass die Erscheinung da ist; genau wie eine Zwiebel oder ein Kochbananen-Baum.

Auch wir sind `da´– oder hier – als Erscheinung; genau wie eine Zwiebel oder ein Kochbananen-Baum. Vor allem unsere Charakter- und Persönlichkeitsschichten sind `da´.

Gleichzeitig arbeiten oder funktionieren unser Erscheinen und das Sichtbarwerden von Karma einwandfrei.

Eine der Möglichkeiten, Karma zu verstehen, besteht darin, es mit der Funktion eines Filters zu vergleichen.

Abgesehen von der Erscheinung gibt es nichts, was man genau festmachen könnte. Wir nehmen also auf, was scheinbar da ist – genauso, wie unsere Lungen Luft aufnehmen. Aber in Wirklichkeit halten wir nichts fest.

Natürlich wird – wie bei unseren Lungen und bei Bäumen –, das, was aufgenommen wird, schließlich (oder gleichzeitig) wieder ausgeatmet, wieder losgelassen.

In diesem Sinne gibt es (etwas Ähnliches wie) Besitz von Karma – doch es wird nie wirklich von irgendetwas oder irgendjemandem besessen.

Gleichzeitig vermittelt der Prozess des Ein- und Ausatmens das, was wir Leben nennen.

Ohne etwas wirklich besitzen zu müssen, wird alles besessen, ohne Rücksicht auf Dualität oder Nicht-Dualität.

Ihr seht, wir atmen jeden Tag. Doch das Atmen bleibt weitgehend unbemerkt. Nicht, dass daran etwas falsch wäre, aber wenn wir verstehen wollen, was Karma ist, dann wird ein wenig Aufmerksamkeit auf das alltägliche Muster des Atmens Wertschätzung bringen – sogar ein Gefühl des Staunens. Ein Gefühl von `Meine Güte! Wir haben die ganze Zeit über geatmet´.

Indem wir uns an diese Praxis der Wertschätzung für das, was man als banale, alltägliche Muster bezeichnen könnte, gewöhnen, können wir diese Art von Gewahrsein auch auf andere Muster anwenden. Gehen, Essen, Schlafen, Aufstehen, Sprechen... alle möglichen Muster.

Leben, Sterben und – mit der Zeit – die Wiederholung von Lebenszyklen. Wie Ihr sehen könnt, ist diese Art der Praxis oder Achtsamkeitsmeditation keineswegs ein entrückter Geisteszustand.

Tatsächlich ist diese Weise von Praxis oder Gewahrseinsmeditation aktiv und lebendig, im Einklang mit allem, was um uns herum geschieht.

Diese Art der lebenden Praxis ist glücklicherweise bis heutzutage noch in verschiedenen Formen präsent, wie z.B. die Praxis des TONGLEN in Form von Streben und Hingabe, die ich in einer früheren Reflexion erwähnt habe.

Dies ist meines Erachtens der natürlichste Weg, um Karma anzuerkennen.

In dieser Praxis gibt es kein Gefühl einer religiösen Mission, die Welt zu retten, noch irgendeine politische Bürde, die Welt in Ordnung zu bringen.

Es ist kein Guru erforderlich, es ist keine Elternschaft nötig und auch keine Belehrung.

Atmet einfach.

Und für den Fall, dass Ihr das Gefühl habt, nicht atmen zu können, und die Dinge sich abzuschwächen scheinen, wisst, dass dies genau das Zeichen dafür ist, dass Ihr tatsächlich atmet – über diese beiden Lungenflügel hinaus atmet, in Form von Leben und Sterben atmet.

 
#Karmapa
 

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